home

Lugwig Wittgenstein
Tractatus Logico-Philosophicus

"Das Buch behandelt die philosophischen Probleme und zeigt -- wie ich glaube -- daß die Fragestellung dieser Probleme auf dem Mißverständnis der Logik unserer Sprache beruht. Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen." L.W. 1919

[english]
1  Die Welt ist alles, was der Fall ist.
1.1  Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
1.11  Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, daß es alle Tatsachen sind.
1.12  Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und auch, was alles nicht der Fall ist.
1.13  Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.
1.2  Die Welt zerfällt in Tatsachen.
1.21  Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles übrige gleich blieben.
2  Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
2.01  Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)
2.011  Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
2.012  In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sachverhalt vorkommen kann, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
2.0121  Es Erschiene gleichsam als Zufall, wenn dem Ding, das allein für sich bestehen könnte, nachträglich eine Sachlage passen würde. Wenn die Dinge in Sachverhalten vorkommen können, so muss dies schon in ihnen liegen.(Etwas Logisches kann nicht nur-möglich sin. Die Logik handelt von jeder Möglichkeit und alle Möglichkeiten sind ihre Tatsachen.)Wie wir uns räumliche Gegenstände überhaupt nicht außerhalb des Raumes, zeitliche nicht außerhalb der Zeit denken können, so können wir uns keinen Gegenstand außerhalb der Möglichkeit seiner Verbindung mit anderen denken. Wenn ich mir den Gegenstand im Verbande des Sachverhalts denken kann, so kann ich ihn nicht außerhalb der Möglichkeit dieses Verbandes denken.
2.0122  Das Ding ist selbständig, insofern es in allen möglichen Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sachverhalt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz.)
2.0123  Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten. (Jede solche Möglichkeit muss in der Natur des Gegenstandes liegen.) Es kann nicht nachträglich eine neue Möglichkeit gefunden werden.
2.01231  Um einen Gegenstand zu kennen, muss ich zwar nicht seine externen - aber ich muss alle seine internen Eigenschaften kennen.
2.0124  Sind alle Gegenstände gegeben, so sind damit auch alle möglichen Sachverhalte gegeben.
2.013  Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte. Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.
2.0131  Der räumliche Gegenstand muss im unendlichen Raume liegen. (Der Raumpunkt ist eine Argumentstelle.) Der Fleck im Gesichtsfeld muss zwar nicht rot sein, aber eine Farbe muss er haben: er hat sozusagen den Farbenraum um sich. Der Ton muss eine Höhe haben, der Gegenstand des Tastsinnes eine Härte usw.
2.014  Die Gegenstände enthalten die Möglichkeit aller Sachlagen.
2.0141  Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sachverhalten, ist die Form des Gegenstandes.
2.02  Der Gegenstand ist einfach.
2.0201  Jede Aussage über Komplexe lässt sich in eine Aussage über deren Bestandteile und in diejenigen Sätze zerlegen, welche die Komplexe vollständig beschreiben.
2.021  Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
2.0211  Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
2.0212  Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
2.022  Es ist offenbar, dass auch eine von der wirklichen noch so verschieden gedachte Welt Etwas - eine Form - mit der wirklichen gemein haben muss.
2.023  Diese feste Form besteht eben aus den Gegenständen.
2.0231  Die Substanz der Welt kann nur eine Form und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt - erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.
2.0232  Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.
2.0233  Zwei Gegenstände von der gleichen logischen Form sind - abgesehen von ihren externen Eigenschaften - von einander nur dadurch unterschieden, dass sie verschieden sind.
2.02331  Entweder ein Ding hat Eigenschaften, die kein anderes hat, dann kann man es ohne weiteres durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen
2.024  Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.
2.025  Sie ist Form und Inhalt.
2.0251  Raum, Zeit und Farbe (Färbigkeit) sind Formen der Gegenstände.
2.026  Nur wenn es Gegenstände gibt, kann es eine feste Form der Welt geben.
2.027  Das Feste, das Bestehende und der Gegenstand sind Eins.
2.0271  Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende - die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbeständige.
2.0272  Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.
2.03  Im Sachverhalt hängen die Gegenstände ineinander, wie die Glieder einer Kette.
2.031  Im Sachverhalt verhalten sich die Gegenstände in bestimmter Art und Weise zueinander.
2.032  Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhaltes.
2.033  Die Form ist die Möglichkeit der Struktur.
2.034  Die Struktur der Tatsache besteht aus den Strukturen der Sachverhalte.
2.04  Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte ist die Welt.
2.05  Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte bestimmt auch, welche Sachverhalte nicht bestehen.
2.06  Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirklichkeit.(Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)
2.061  Die Sachverhalte sind von einander unabhängig.
2.061  Die Sachverhalte sind voneinander unabhängig.
2.062  Aus dem Bestehen oder Nichtbestehen eines Sachverhaltes kann nicht auf das Bestehen oder Nichtbestehen eines anderen geschlossen werden.
2.063  Die gesamte Wirklichkeit ist die Welt.
2.1  Wir machen uns Bilder der Tatsachen.
2.11  Das Bild stellt die Sachlage im logischen Raume, das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten vor.
2.12  Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.
2.13  Den Gegenständen entsprechen im Bilde die Elemente des Bildes.
2.14  Das Bild besteht darin, dass sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten.
2.15  Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten. Dieser Zusammenhang der Elemente des Bildes heiße seine Struktur und ihre Möglichkeit seine Form der Abbildung.
2.151  Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zu einander verhalten, wie die Elemente des Bildes.
2.1511  Das Bild ist so mit der Wirklichkeit verknüpft - es reicht bis zu ihr.
2.1512  Es ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.
2.15121  Nur die äußersten Punkte der Teilstriche berühren den zu messenden Gegenstand.
2.1513  Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.
2.1514  Die abbildende Beziehung besteht aus den Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen.
2.1515  Diese Zuordnungen sind gleichsam die Fühler der Bildelemente, mit denen das Bild die Wirklichkeit berührt.
2.16  Die Tatsache muss um Bild zu sein, etwas mit dem Abgebildeten gemeinsam haben.
2.161  In Bild und Abgebildetem muss etwas identisch sein, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann.
2.17  Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie auf seine Art und Weise - richtig oder falsch - abbilden zu können, ist seine Form der Abbildung.
2.171  Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat. Das räumliche Bild alles Räumliche, das farbige alles Farbige, etc.
2.172  Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden - es weist sie auf.
2.173  Das Bild stellt sein Objekt von außerhalb dar (sein Standpunkt ist seine Form der Darstellung), darum stellt das Bild sein Objekt richtig oder falsch dar.
2.174  Das Bild kann sich aber nicht außerhalb seiner Form der Darstellung stellen.
2.18  Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt - richtig oder falsch - abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit.
2.181  Ist die Form der Abbildung die logische Form, so heißt das Bild das logische Bild.
2.182  Jedes Bild ist auch ein logisches. (Dagegen ist z. B. nicht jedes Bild ein räumliches.)
2.19  Das logische Bild kann die Welt abbilden.
2.2  Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.
2.201  Das Bild bildet die Wirklichkeit ab, indem es eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten darstellt.
2.202  Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raume dar.
2.203  Das Bild enthält die Möglichkeit der Sachlage, die es darstellt.
2.21  Das Bild stimmt mit der Wirklichkeit überein oder nicht - es ist richtig oder unrichtig, wahr oder falsch.
2.22  Das Bild stellt dar, was es darstellt, unabhängig von seiner Wahr- oder Falschheit, durch die Form der Abbildung.
2.221  Was das Bild darstellt, ist sein Sinn.
2.222  In der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung seines Sinnes mit der Wirklichkeit, besteht seine Wahrheit oder Falschheit.
2.223  Um zu erkennen, ob das Bild wahr oder falsch ist, müssen wir es mit der Wirklichkeit vergleichen.
2.223  Um zu erkennen, ob ein Bild wahr oder falsch ist, müssen wir es mit der Wirklichkeit vergleichen.
2.224  Aus dem Bild allein ist nicht zu erkennen, ob es wahr oder falsch ist.
2.225  Ein a priori wahres Bild gibt es nicht.
3.1  Im Satz drückt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus.
3  Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.
3.003  Wir können nichts Unlogisches denken, weil wir sonst unlogisch denken müssten.
3.032  Etwas der Logik Widersprechendes in der Sprache darstellen, kann man ebenso wenig, wie in der Geometrie eine den Gesetzen des Raumes widersprechende Figur durch ihre Koordinaten darstellen - oder die Koordinaten eines Punktes angeben, der nicht existiert.
3.2  Im Satze kann der Gedanke so ausgedrückt sein, dass den Gegenständen des Gedankens Elemente des Satzzeichens entsprechen.
3.22  Der Name vertritt im Satz den Gegenstand.
3.221  Ein Satz kann nur sagen, wie ein Ding ist, nicht, was es ist.
3.3  Nur der Satz hat Sinn - nur im Zusammenhang des Satzes hat ein Name Bedeutung.
3.4  Der Satz bestimmt einen Ort im logischen Raum. Die Existenz dieses logischen Ortes ist durch die Existenz der Bestandteile allein verbürgt, durch die Existenz des sinnvollen Satzes.
3.5  Das angewandte, gedachte Satzeichen ist der Gedanke.
4  Der Gedanke ist der sinnvolle Satz.
4.001  Die Gesamtheit der Sätze ist die Sprache.
4.002  Der Mensch besitzt die Fähigkeit Sprachen zu bauen, womit sich jeder Sinn ausdrücken lässt, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie und was jedes Wort bedeutet. - Wie man auch spricht, ohne zu wissen, wie die einzelnen Laute hervorgebracht werden.
4.003  Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen. Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen beruhen darauf, dass wir unsere Sprachlogik nicht verstehen.
4.0031  Alle Philosophie ist Sprachkritik. RUSSELLs Verdienst ist es, gezeigt zu haben, dass die scheinbar logische Form des Satzes nicht seine wirkliche sein muss.
4.01  Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit. Der Satz ist ein Modell der Wirklichkeit, so wie wir sie uns denken.
4.011  Auf den ersten Blick scheint der Satz - wie er etwa auf dem Papier gedruckt steht - kein Bild der Wirklichkeit zu sein, von der er handelt. Aber auch die Notenschrift scheint auf den ersten Blick kein Bild der Musik zu sein, und unsere Lautzeichen- (Buchstaben-) Schrift kein Bild unserer Lautsprache. Und doch erweisen sich diese Zeichensprachen auch im gewöhnlichen Sinne als Bilder dessen, was sie darstellen.
4.012  Offenbar ist, dass wir einen Satz von der Form aRb als Bild empfinden. Hier ist das Zeichen offenbar ein Gleichnis des Bezeichneten.
4.014  Die Grammophonplatte, der musikalische Gedanke, die Notenschrift, die Schallwellen, stehen alle in jener abbildenden internen Beziehung zueinander, die zwischen Sprache und Welt besteht.
4.0141  Dass es eine allgemeine Regel gibt, durch die der Musiker aus der Partitur die Symphonie entnehmen kann, durch welche man aus der Linie auf der Grammophonplatte die Symphonie und nach der ersten Regel wieder die Partitur ableiten kann, darin besteht eben die innere Ähnlichkeit dieser scheinbar so ganz verschiedenen Gebilde. Und jene Regel ist das Gesetz der Projektion, welches die Symphonie in die Notensprache projiziert. Sie ist die Regel der Übersetzung der Notensprache in die Sprache der Grammophonplatte.
4.015  Die Möglichkeit aller Gleichnisse, der ganzen Bildhaftigkeit unserer Ausdrucksweise, ruht in der Logik der Abbildung.
4.016  Um das Wesen des Satzes zu verstehen, denken wir an die Hieroglyphenschrift, welche die Tatsachen die sie beschreibt abbildet.
4.1  Der Satz stellt das Bestehen und Nichtbestehen der Sachverhalte dar.
4.11  Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft (oder die Gesamtheit der Naturwissenschaften):
4.111  Die Philosophie ist keine der Naturwissenschaften. (Das Wort Philosophie muss etwas bedeuten, was über oder unter, aber nicht neben den Naturwissenschaften steht.)
4.112  Der Zweck der Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. Ein philosophisches Werk besteht wesentlich aus Erläuterungen. Das Resultat der Philosophie sind nicht philosophische Sätze, sondern das Klarwerden von Sätzen. Die Philosophie soll die Gedanken, die sonst, gleichsam trübe und verschwommen sind, klar machen und scharf abgrenzen.
4.1121  Die Psychologie ist der Philosophie nicht verwandter als irgendeine andere Naturwissenschaft. Erkenntnistheorie ist die Philosophie der Psychologie. Entspricht nicht mein Studium der Zeichensprache dem Studium der Denkprozesse, welches die Philosophen für die Philosophie der Logik für so wesentlich hielten? Nur verwickelten sie sich meistens in unwesentliche psychologische Untersuchungen und eine analoge Gefahr gibt es auch bei meiner Methode.
4.1122  Die DARWINsche Theorie hat mit der Philosophie nicht mehr zu schaffen als irgendeine andere Hypothese der Naturwissenschaft.
4.113  Die Philosophie begrenzt das bestreitbare Gebiet der Naturwissenschaft.
4.114  Sie soll das Denkbare abgrenzen und damit das Undenkbare. Sie soll das Undenkbare von innen durch das Denkbare begrenzen.
4.115  Sie wird das Unsagbare bedeuten, indem sie das Sagbare klar darstellt.
4.116  Alles was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.
4.12  Der Satz kann die gesamte Wirklichkeit darstellen, aber er kann nicht das darstellen, was er mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie darstellen zu können - die logische Form. Um die logische Form darstellen zu können, müssten wir uns mit dem Satze außerhalb der Logik aufstellen können, das heißt außerhalb der Welt.
4.1211  So zeigt ein Satz fa, dass in seinem Sinn der Gegenstand a vorkommt, zwei Sätze fa und ga, dass in ihnen beiden von demselben Gegenstand die Rede ist. Wenn zwei Sätze einander widersprechen, so zeigt dies ihre Struktur ebenso, wenn einer aus dem anderen folgt. Usw.
4.1213  Jetzt verstehen wir auch unser Gefühl: dass wir im Besitze einer richtigen logischen Auffassung seien, wenn nur einmal alles in unserer Zeichensprache stimmt.
4.2  Der Sinn des Satzes ist seine Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung mit den Möglichkeiten des Bestehens und Nichtbestehens der Sachverhalte.
4.21  Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit: Denn ich kenne die von ihm dargestellte Sachlage, wenn ich den Satz verstehe. Und den Satz verstehe ich, ohne dass mir sein Sinn erklärt wurde.
4.22  Der Satz zeigt seinen Sinn. Der Satz zeigt, wie es sich verhält, wenn er wahr ist. Und er sagt, dass es sich so verhält.
4.23  Die Wirklichkeit muss durch den Satz auf ja oder nein fixiert sein. Dazu muss sie durch ihn vollständig beschrieben werden. Der Satz ist die Beschreibung eines Sachverhaltes. Wie die Beschreibung einen Gegenstand nach seinen externen Eigenschaften, so beschreibt der Satz die Wirklichkeit nach ihren internen Eigenschaften. Der Satz konstruiert eine Welt mit Hilfe eines logischen Gerüstes und darum kann man am Satz auch sehen, wie sich alles Logische verhält, wenn er wahr ist. Man kann aus einem falschen Satz Schlüsse ziehen.
4.24  Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist. (Man kann ihn also verstehen, ohne zu wissen, ob er wahr ist.) Man versteht ihn, wenn man seine Bestandteile versteht.
4.26  Die Bedeutungen der einfachen Zeichen (der Wörter) müssen erklärt werden, dass wir sie verstehen. Mit den Sätzen aber verständigen wir uns.
4.3  Die Wahrheitsmöglichkeiten der Elementarsätze bedeuten die Möglichkeiten des Bestehens und Nichtbestehens der Sachverhalte.
4.31  Im Satz wird gleichsam eine Sachlage probeweise zusammengestellt. Man kann geradezu sagen: statt, dieser Satz hat diesen und diesen Sinn dieser Satz stellt diese oder diese Sachlage dar.
4.311  Ein Name steht für ein Ding, ein anderer für ein anderes Ding und untereinander sind sie verbunden, so stellt das Ganze - wie ein lebendes Bild - den Sachverhalt vor.
4.4  Der Satz ist der Ausdruck der Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung mit den Wahrheitsmöglichkeiten der Elementarsätze.
4.462  Tautologie und Kontradiktion sind nicht Bilder der Wirklichkeit.
4.5  Nun scheint es möglich zu sein, die allgemeinste Satzform anzugeben: das heißt, eine Beschreibung der Sätze irgend einer Zeichensprache zu geben so dass jeder mögliche Sinn durch ein Symbol, auf welches die Beschreibung passt, ausgedrückt werden kann, under dass jedes Symbol, worauf die Beschribung passt, einen Sinn austrücken kann, wenn die Bedeutungen der Namen entsprechend gewählt werden. Es ist klar, daß bei der Beschreibung der allgemeinsten Satzform nur ihr Wesentliches beschrieben werden darf, -- sonst wäre sie nämlich nicht die allgemeinste. Daß es eine allgemeine Satzform gibt, wird dadurch bewiesen, daß es keinen Satz geben darf, dessen Form man nicht hätte voraussehen (d. h. konstruieren) können. Die allgemeine Form des Satzes ist: Es verhält sich so und so.
5  Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze. (Der Elementarsatz ist eine Wahrheitsfunktion seiner selbst.)
5.1  Die Wahrheitsfunktionen lassen sich in Reihen ordnen. Das ist die Grundlage der Wahrscheinlichkeitslehre.
5.1361  Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.
5.2  Die Strukturen der Sätze stehen in internen Beziehungen zu einander.
5.3  Alle Sätze sind Resultate von Wahrheitsoperationen mit den Elementarsätzen. Die Wahrheitsoperation ist die Art und Weise, wie aus den Elementarsätzen die Wahrheitsfunktion entsteht. Nach dem Wesen der Wahrheitsoperation wird auf die gleiche Weise, wie aus den Elementarsätzen ihre Wahrheitsfunktion, aus Wahrheitsfunktionen eine neue. Jede Wahrheitsoperation erzeugt aus Wahrheitsfunktionen von Elementarsätzen wieder eine Wahrheitsfunktion von Elementarsätzen, einen Satz. Das Resultat jeder Wahrheitsoperation mit den Resultaten von Wahrheitsoperationen mit Elementarsätzen ist wieder das Resultat einer Wahrheitsoperation mit Elementarsätzen. Jeder Satz ist das Resultat von Wahrheitsoperationen mit Elementarsätzen.
5.4  Hier zeigt es sich, dass es logische Gegenstände, logische Konstante (im Sinne Freges und Russells) nicht gibt.
5.5  Jede Wahrheitsfunktion ist ein Resultat der successiven Anwendung der Operation (- - - - -W) (, . . . .) auf Elementarsätze. Diese Operation verneint sämtliche Sätze in der rechten Klammer, und ich nenne sie die Negation dieser Sätze.
5.6  Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
5.621  Die Welt und das Leben sind Eins.
5.63  Ich bin meine Welt. (Der Mikrokosmos.)
5.632  Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt.
5.6331  Das Gesichtsfeld hat nämlich nicht etwa eine solche Form: [Querschnitt vom Auge]
5.634  Das hängt damit zusammen, daß kein Teil unserer Erfahrung auch a priori ist. Alles, was wir sehen könnte auch anders sein. Alles, was wir überhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein. Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori.
5.64  Hier sieht man, daß der Solipsismus, streng durchgeführt, mit dem reinen Realismus zusammenfällt. Das Ich des Solipsismus schrumpft zum ausdehnungslosen Punkt zusammen, und es bleibt die ihm koordinierte Realität.
5.641  Es gibt also wirklich einen Sinn, in welchem in der Philosophie nicht-psychologisch vom Ich die Rede sein kann. Das Ich tritt in die Philosophie dadurch ein, daß die Welt meine Welt ist. Das philosophische Ich ist nicht der Mensch, nicht der menschliche Körper, oder die menschliche Seele, von der die Psychologie handelt, sondern das metaphysischen Subjekt, die Grenze - nicht ein Teil der Welt.
6  Die allgemeine Wahrheitsfunktion ist: [wird nachgereicht]. Die ist die allgemeine Form des Satzes.
6.1  Die Sätze der Logik sind Tautologien.
6.11  Die Sätze der Logik sagen also nichts.
6.1222  Nicht nur muß ein Satz der Logik durch keine mögliche Erfahrung widerlegt werden können, sondern er darf auch nicht durch eine solche bestätigt werden können.
6.1223  Wir können logische Wahrheiten insofern fordern, als daß wir eine genügende Notation fordern.
6.2  Die Mathematik ist eine logische Methode. Die Sätze der Mathematik sind Gleichungen, also Scheinsätze.
6.24  Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt. Die Ethik ist transcendental. (Ethik und Aesthetik sind Eins.)
6.3  Die Erforschung der Logik bedeutet die Erforschung aller Gesetzmäßigkeit. Und außerhalb der Logik ist alles Zufall.
6.34  Alle jene Sätze, wie der Satz vom Grunde, von der Kontinuität der Natur, vom kleinsten Aufwande in der Natur etc. etc., alle diese sind Einsichten a priori über die mögliche Formgebung der Sätze der Wissenschaft.
6.362  Was sich beschreiben läßt, das kann auch geschehen, und was das Kausalitätsgesetz ausschließen soll, das läßt sich auch nicht beschreiben.
6.3631  Dieser Vorgang hat aber keine logische, sondern nur ein psychologische Begründung. Es ist klar, daß kein Grund vorhanden ist, zu glauben, es werde nun auch wirklich der einfachste Fall eintreten.
6.36311  Daß die Sonne morgen aufgehen wird, ist eine Hypothese und das heißt: wir wissen nicht, ob sie aufgehen wird.
6.371  Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, daß die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien.
6.373  Die Welt ist unabhängig von meinem Willen.
6.3751  Daß z.B. zwei Farben zugleich an einem Ort des Gesichtsfeldes sind, ist unmöglich und zwar logisch unmöglich, denn es ist durch die logische Struktur der Farbe ausgeschlossen. Denken wir daran, wie sich dieser Widerspruch in der Physik darstellt: Ungefähr so, daß ein Teilchen nicht zu gleicher Zeit zwei Geschwindigkeiten haben kann - das heißt, daß es nicht zu gleicher Zeit an zwei Orten sein kann - das heißt, daß Teilchen an verschiedenen Orten zu Einer Zeit nicht identisch sein können. (Es ist klar, daß das logische Produkt zweier Elementarsätze weder eine Tautologie noch eine Kontradiktion sein kann. Die Aussage, daß ein Punkt des Gesichtsfeldes zu gleicher Zeit zwei verschiedene Farben hat, ist eine Kontradiktion.)
6.4  Alle Sätze sind gleichwertig.
6.42  Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres ausdrücken.
6.421  Es ist klar, dass sich die Ethik nicht aussprechen lässt
6.423  Vom Willen als dem Träger des Ethischen kann nicht gesprochen werden. Und der Wille als Phänomen interessiert nur die Psychologie.
6.43  Wenn das gute oder böse Wollen die Welt ändert, so kann es nur die Grenze der Welt ändern, nicht die Tatsachen - nicht das, was durch die Sprache ausgedrückt werden kann. Kurz, die Welt muß dann dadurch überhaupt keine andere werden. Sie muß sozusagen als Ganzes abnehmen oder zunehmen. Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.
6.431  Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondern aufhört.
6.4311  Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.
6.4321  Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung.
6.5  Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen. Das Rätsel gibt es nicht. Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.
6.521  Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand.)
6.54  Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist.) Er muß dies Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.
6.522  Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.
7  Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
home